
EIN LETZTER BLICK ZURÜCK oder: Wie dreißig Jahre in einen einzigen Sommer passen

Wie immer ist das hier meine ganz persönliche Meinung – nur dass ich diesmal nicht nach vorn schaue, sondern einmal zurück. Der Vorhang ist gefallen, das Sternenzelt wird abgebaut und alle Tiere sind froh, dass Ruhe und Ordnung zurückkehren und alle endlich wieder auf ihre Koppeln können – die bis jetzt Parkplätze waren oder die Zelte beherbergten. Und ich sitze mit einer Tasse Tee und einem Stapel Erinnerungen da und wundere mich, wie das alles in einen einzigen Sommer gepasst hat. Währenddessen sind Intendanz und Musikalische Leitung bereits eifrig am Planen, mit was sie uns im nächsten Jahr erfreuen können… kein Augenblick der Ruhe!
Erinnern Sie sich noch, wie ich Ihnen im Frühjahr versprochen habe, Sie ein bisschen auf dieses Jubiläumsjahr „vorzubereiten“? Dreißig Jahre Immling – ich gebe zu, ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich da einlasse. Denn dieses Programm hatte es in sich, und heute, mit dem letzten Applaus noch im Ohr, weiß ich: Es war kein gewöhnlicher Sommer. Es war der Sommer, in dem dieser Hügel dreißig Jahre alt wurde – und dabei jünger wirkte denn je.
Vier Opern, vier Wahrheiten
Fangen wir bei den Opern an, denn davon gab es gleich vier – und jede erzählte auf ihre Weise von Liebe, Macht und dem, was Menschen einander antun. „Tosca“ führte uns mitten in einen Polizeistaat, dessen Aktualität einem den Atem nahm; Puccinis Orchester wurde zum Erzähler, und Ludwig Baumann bewies wieder einmal, dass er für Überraschungen gut ist. „Lucia di Lammermoor“ machte aus einer „wahnsinnigen Frau“ eine Anklage – Ella Marchments Inszenierung gab jenen fünfzig Prozent der Menschheit Stimme und Gesicht, die zu oft nur angeschaut statt gehört werden (und ja, die Glasharmonika kam tatsächlich vor!). „Die Zauberflöte“, mit der vor dreißig Jahren alles anfing, war unordentlich, widersprüchlich und großartig wie eh und je. Und „Un ballo in maschera“ – Verena von Kerssenbrocks Spiel aus Traum und Wirklichkeit, in dem am Ende der Tod selbst das Bettzeug bringt – hat mir gezeigt, dass ich den Maskenball zwar nie zuvor gesehen hatte, ihn aber so, wie hier, nie wieder vergessen werde. Verena von Kerssenbrock ist übrigens die Dritte, die heuer ein Jubiläum zu feiern hat: vor 25 Jahren hat sie in Immling ihre erste Oper ausgerichtet, gemeinsam mit Cornelia gab es „Die Lustigen Weiber von Windsor“ – prophetisch, oder?? (Einfach Windsor mit I… ersetzen...)
Die Konzerte – vom Jubel bis zur Stille
Und dann die Konzerte. Das Jubiläumskonzert – Beethovens Neunte, Strauss’ „Zarathustra“ und „Don Juan“ – war genau das Geburtstagsgeschenk, das sich ein Festival machen kann: „Alle Menschen werden Brüder“, gesungen von einem Chor, der diese Zeilen nicht herunterspult, sondern lebt.
Leiser, viel leiser, wurde es beim Verdi Requiem. Dieses Jahr hat uns drei Menschen genommen, ohne die dieser Hügel nicht derselbe ist: Angelika Weiß-Greither, Toni Meggle und Hubertus von Kerssenbrock, Cornelias und Verenas Vater. Manchmal reichen Worte nicht, und man braucht Musik. Cornelia von Kerssenbrock hat dieses Werk, das über Abschied und Loslassen handelt, mitten in der eigenen Trauer getragen – und wer dabei war, weiß, dass an diesem Abend mehr erklang als Noten.
Eine Torte, ein Versprechen, eine Rede
Aber ich hatte Ihnen ja auch Süßes versprochen – und das im Wortsinn. Denn nach dem fulminanten Jubiläumskonzert gab es im Zelt eine Überraschung: eine Jubiläumstorte, die Christine Unterseer und ich Ludwig Baumann schon im letzten Jahr zum Geburtstag versprochen hatten. Und wann, bitte schön, löst man ein solches Versprechen ein, wenn nicht nach Beethoven und Strauss?
Ich durfte dazu ein paar Worte sagen – als Förderin, vor allem aber als Freundin zweier Menschen, um die es an diesem Abend ging. Denn hier wurde ein Doppeljubiläum gefeiert: dreißig Jahre Ludwig Baumann als Intendant, fünfundzwanzig Jahre Cornelia von Kerssenbrock am Pult. Wissen Sie eigentlich, dass dieses ganze Opernhaus einem Regenschauer zu verdanken ist? Vor dreißig Jahren wollte Ludwig die „Zauberflöte“ an einem Baggersee aufführen – bis der bayerische Himmel beschloss, anderer Meinung zu sein. Aus der Not wurde die Immlinger Reithalle zum Opernhaus, mit Strohballen zum Sitzen. So wird etwas geboren, wenn sich einer vom Wetter die Show nicht verderben lässt. Und aus einer künstlerischen Zusammenarbeit, die 2002 begann, wurde längst mehr – ein Team, ein „Traumpaar der bayerischen Festspielszene“, das jeden Sommer aufs Neue Träume wahr werden lässt. Auf die beiden habe ich mein Glas erhoben. Und dann durfte endlich angeschnitten werden und wirklich jede:r im Zelt bekam ein kleines Stück ab!
Das heimliche Herzstück
Ein Festivalsommer ist aber nicht nur, was auf den großen Plakaten steht. „Cats“ brachte die jungen Talente der Akademie Immling ins Rampenlicht – feliner Glamour auf einer Müllkippe, getragen von einem Nachwuchs, der alles gab, weil er wusste, welche Chance hier winkt. Und genau dieses „Cats“ wurde zum Stück jener Vorstellung, die für mich Jahr für Jahr das eigentliche Herz des Sommers ist: der Inklusionsvorstellung. Wenn sich die Krankenwagen den Hügel hinaufschlängeln und Menschen, die sonst so oft von solchen Kulturangeboten ausgeschlossen sind, sich erwartungsvoll vor das Festspielhaus begeben, muss ich schon mal kräftig schlucken. Dieses Jahr gab es für alle Besucher:innen eine kleine Überraschung: jede:r bekam ein paar Katzenohren zum Aufsetzen – und als Erinnerung zum Mitnehmen. Was für ein Spaß, alle mit Katzenohren! Und dann kommt ein Publikum in die Halle, das mit Haut und Haaren dabei ist – mitsummt, staunt, in den Saal ruft und oft Zwischenapplaus spendiert –, dann wird auch hinter der Bühne kurz geschluckt. Dank Menschen wie Hans Loy, der die Karten bis heute von Hand ausstellt, und der Jacob und Marie Rothenfußer-Gedächtnisstiftung, die diese Veranstaltung seit vielen Jahren möglich macht, wird dieser Nachmittag jedes Jahr möglich. Er ist der lebende Beweis dafür, dass Inklusion in Immling kein Programmpunkt ist, sondern eine Haltung – von Anfang an, ob im Stall oder im Festspielhaus.
Finale Grande – ein Abschied und ein Versprechen
Das Abschlusskonzert, das immer als Erstes ausverkauft ist (werden Sie Förder:in, dann haben Sie gute Chancen, eine Karte zu ergattern und Ihre besten Freunde dazu einzuladen) ist für mich jedes Jahr aufs Neue ein Phänomen. Musiker:innen, Künstler:innen, aber vor allem die Dirigentin geben seit dem 13. Juni zu den Aufführungen ihr Ganzes – Freitags, Samstags und Sonntags und den Rest der Woche üben sie die Konzerte ein. Und als letztes geht es dann noch einmal mit viel Verve in die Vorbereitungen fürs Finale Grande! Da glänzen dann alle ein letztes Mal, die herausragenden Sänger:innen, der fantastische Chor und das unbeschreibliche Orchester! Da kommen auch die zum Zug, die sonst im Hintergrund wirken, die mit dem Chor „üben“ und einstudieren, nachdem die Dirigentin die Marschroute vorgegeben hat, und wir erleben Musik auch außerhalb dessen, was so als „Klassik“ gilt, ob Musicalmelodie oder Filmmusik, es ist für jeden etwas dabei und alle strahlen noch einmal, wenn sie ihre Fähigkeiten auf die Spitze treiben dürfen. Mit dem traditionellen „Rausschmeißer“ aus „La Traviata“, dem „Libiamo ne’ lieti calici“ (Lasst uns nippen an freudigen Gläsern) geht das 30-jährige Festival zu Ende – oder nicht? Na klar, die Abschiedsparty im Zelt ist noch so ein Höhepunkt nach dem Höhepunkt, ein paar Tränen fließen, wenn sich Teilnehmende nach mehr als drei Monaten Zusammenarbeit trennen (einige dürfen wir hoffentlich im nächsten Jahr wieder begrüßen) und nach Mitternacht fahre ich beseelt und berauscht (nein, natürlich kein Tropfen Alkohol!) nach Hause. Was mache ich bloß bis zum nächsten Jahr? Wie gut, dass es ein Winterfestival gibt!
Bis dahin bleibt mir nur, Danke zu sagen: den Künstlerinnen und Künstlern, den Stiftungen und Förderern – und ein besonderer Dank geht an all unsere unsichtbaren Helfer und Helferinnen, ohne die nichts denkbar wäre. Und sichtbar sind sie durchaus: in jeder Maske, in jedem Kostüm, in jedem Detail des Bühnenbildes, in der Gestaltung des Tons – beim Ticketing, beim Einlass und überall da, wo es für Sie so mühelos wie möglich wird, damit Sie ein vollendetes Erlebnis unbeschwert genießen können.
Und damit danke ich natürlich vor allem Ihnen, die durch Ihren Besuch die Künstler:innen erst erstrahlen lassen und so ein Festival überhaupt möglich machen. Und ich danke Ihren, dass Sie mich in diesem Jubiläumsjahr durch meine „Vorbereitungen“ begleitet haben. Dreißig Jahre sind keine Zahl. Sie sind eine Geschichte. Und das Schönste an einer Geschichte ist bekanntlich, dass sie weitergeht.
Wir sehen uns auf dem Hügel.
Herzlichst
Ihre Christiane Berker
