
INKLUSION AUF DEM HÜGEL oder: warum die berührendste Vorstellung des Sommers keine Premiere ist

Wie immer ist das hier meine ganz persönliche Meinung – nur dass ich diesmal nicht aus dem Zuschauerraum berichte, sondern von etwas weiter vorne: Ich durfte bei den Inklusionsvorstellungen schon mehrmals selbst mit anpacken. Und ich sage Ihnen gleich zu Beginn: Es gibt keinen Nachmittag im ganzen Festivalsommer, den ich weniger missen möchte.
Es gibt Vorstellungen, über die schreibt man, weil eine berühmte Sängerin kommt oder ein Regisseur sich etwas besonders Kluges ausgedacht hat. Und dann gibt es eine Vorstellung im Jahr, über die man schreibt, weil sie zeigt, wofür dieses ganze Festival eigentlich da ist. Die Inklusionsvorstellung ist so eine. Sie steht in keinem Hochglanzprospekt ganz oben, sie bekommt keine Premierenscheinwerfer – und sie ist trotzdem, jedes Jahr aufs Neue, das heimliche Herzstück des Immlinger Sommers.
Aber der Reihe nach.
Es begann, wie so oft in Immling, mit Pferden
Wer verstehen will, warum Inklusion in Immling kein Programmpunkt, sondern eine Haltung ist, muss ganz an den Anfang zurück. Ludwig Baumann wuchs auf einem Bauernhof auf, umgeben von Tieren, und seine große Liebe galt schon immer den Pferden. Als 1994 ein Bühnenunfall in der Dresdner Semperoper seine Sängerkarriere jäh stoppte, zog er sich auf Gut Immling zurück – und nahm rund achtzig Pferde gleich mit (dazu Esel, Ziegen, Schafe, Hunde, Katzen und, ja, auch Hängebauchschweine, aber das ist eine andere Geschichte).
Bevor er sich aber zurückziehen konnte, lag er selbst erst einmal wochenlang danieder. Baumann verbrachte nach seinem Unfall viele Wochen in der Spezialklinik in Vogtareuth – und blickte dort Tag für Tag auf die angrenzende Kinderstation, auf Mädchen und Jungen in ihren Rollstühlen. Wer am eigenen Leib erfährt, wie es ist, plötzlich auf Hilfe angewiesen zu sein, sieht solche Bilder mit anderen Augen. In diesen Wochen entstand ein Bedürfnis, das ihn nicht mehr losließ: etwas für diese Kinder zu tun.
Und weil bei Baumann am Anfang fast immer die Pferde stehen, wurde daraus – wie könnte es anders sein – etwas mit Pferden. Gemeinsam mit Toni Meggle rief er eine Reitschule für bayerische Dressursportlerinnen und -sportler mit Behinderung ins Leben. Was als Idee zweier Männer begann, führte einige der Reiterinnen und Reiter bis zu Weltmeisterschaften und Paralympischen Spielen – eine Reiterin holte in Tokio sogar Silber, um nur ein Beispiel zu nennen. Über zwei Jahrzehnte lang lief dieses Programm: zwanzig Jahre, in denen Menschen, denen man anderswo bestenfalls mit Mitleid begegnete, auf dem Turnierplatz vorführten, was in ihnen steckt.
Aus demselben Geist – und mit Toni Meggle weiterhin an seiner Seite – wuchsen dann die Opernaufführungen. 1997 wurde in der Reithalle desselben Guts das Festival gegründet; aus dem Reitstall wurde ein Festspielhaus. Doch die Grundhaltung der Jahre zuvor zog einfach mit hinüber. Wer je gesehen hat, wie ein Kind, das kaum sprechen kann, auf dem Rücken eines ruhigen Pferdes zu strahlen beginnt, der weiß: Das Pferd fragt nicht nach Diagnosen, es trägt einfach. Und die Musik, so meine feste Überzeugung, fragt genauso wenig. Inklusion war in Immling nie ein nachträglich angehängtes Sozialprojekt – sie stand von Anfang an mit im Stall und bestimmt bis heute sogar das Programm mit.
Was eine Inklusionsvorstellung wirklich ist – und was sie kostet
Lassen Sie mich mit einem Missverständnis aufräumen: Eine Inklusionsvorstellung ist keine nette Geste am Rande. Sie ist ein logistischer Kraftakt.
Zu uns kommen Menschen mit geistiger und/oder körperlicher Behinderung, viele im Rollstuhl, manche sogar als Liegendpatienten. Damit das überhaupt möglich ist, wird das Festspielhaus eigens umgebaut: Die Bestuhlung wird herausgenommen, und es entsteht ein Saal, in dem neben jedem Rollstuhlplatz immer auch Platz für eine Begleitperson ist – denn wer betreut werden muss, soll seinen vertrauten Menschen direkt neben sich haben und nicht drei Reihen weiter hinten. Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht: Es gibt erschreckend wenige Veranstaltungsorte, die so etwas leisten können.
Dass es in Immling seit einem Vierteljahrhundert funktioniert, verdanken wir vor allem einer Stiftung, die kaum jemand kennt und über die deshalb hier einmal ausdrücklich ein gutes Wort fallen soll: die Jacob und Marie Rothenfußer-Gedächtnisstiftung. 1982 gründete sie der Münchner Erich Rothenfußer zum Gedächtnis an seine Eltern, und ihr Zweck ist so schlicht wie schön – die Unterstützung von Menschen mit Behinderung und von allen, die Hilfe brauchen. Seit rund zwanzig Jahren (inzwischen also eher fünfundzwanzig) trägt sie als Schirmherrin die Inklusionsvorstellung auf Gut Immling mit; schon 2012 ermöglichte sie hier eine Sondervorstellung des „Troubadour“. Unterstützt wird das Ganze außerdem von der Maria Bergmann Stiftung Rosenheim und der Behindertenstiftung des Landkreises Rosenheim. Ohne diese stillen Geldgeber gäbe es diesen Nachmittag schlicht nicht – und deshalb, liebe Stiftungen, sei es hier einmal laut gesagt: Danke.
Und dann ist da noch ein Mensch, ohne den ich mir diesen Nachmittag schlicht nicht vorstellen kann: Hans Loy. Er ist von der allerersten Stunde an dabei. Gemeinsam mit seiner Frau nimmt er die Kartenbestellungen entgegen und stellt die Eintrittskarten von Hand aus – ja, händisch, in einer Zeit, in der sonst alles längst durchdigitalisiert ist. Als Rollstuhlfahrer kennt er die Schwierigkeiten, die ein Kulturbesuch für Menschen mit Behinderung bedeutet, aus eigenem Erleben. Vor allem aber hat er über die Jahre ein weites Netz an Kontakten zu Einrichtungen und Behindertenverbänden geknüpft – und macht so das Festspielhaus Jahr für Jahr zu einem Ort der Freude für all jene, die sonst keine Möglichkeit hätten, dabei zu sein. Wenn Sie mich fragen: Das ist gelebte Inklusion, ganz ohne großes Wort.
Wenn die Krankenwagen den Hügel hinauffahren
Und dann kommt dieser Moment, den ich Ihnen so gern beschreiben würde, obwohl er sich der Beschreibung eigentlich entzieht.
Wenn sich am Vorstellungstag eine lange Reihe von Krankenwagen den Hügel hinaufschlängelt und die Menschen mit erwartungsvollen Gesichtern in die Halle gebracht werden – dann wird es hinter der Bühne ganz still. Ich habe erlebt, wie gestandene Künstlerinnen und Künstler, die vor tausend Menschen mühelos singen, in diesem Augenblick kurz schlucken müssen. Es ist einer der berührendsten Momente des ganzen Sommers, und er gilt für beide Seiten: für die, die kommen, und für die, die spielen.
Warum mir das so nahegeht? Ich habe eine Schwester, die Autistin ist. Über Sprache ist der Kontakt zu ihr manchmal schwierig – über Musik nie. Ihre beste Freundin heißt, ganz nebenbei bemerkt, Alexa, und was diese Freundin so unschlagbar macht, ist deren klassisches Musikprogramm. Musik geht dorthin, wo Worte nicht hinkommen. Genau das erlebe ich bei jeder Inklusionsvorstellung aufs Neue.
Und – jetzt kommt mein Lieblingsteil – dieses Publikum sitzt nicht artig da. Es ist dabei, mit Haut und Haaren. Da wird mitgesummt, laut gestaunt, zwischendurch auch mal ein Kommentar in den Saal gerufen, und der Applaus kommt sofort, ehrlich und ungebremst. Ich habe schon in vielen ausverkauften Häusern gesessen – aber so wach, so unmittelbar, so beteiligt wie an diesen Nachmittagen ist ein Publikum sonst selten. Wenn Sie wissen wollen, wie sich echte, unverstellte Begeisterung anhört: Kommen Sie an so einem Sonntag auf den Hügel.
Warum ausgerechnet „Cats“?
In diesem Jahr haben sich die Organisatoren „Cats“ gewünscht – und ich finde, sie haben goldrichtig gewählt.
„Cats“ ist feliner Glamour mit Drama, gespielt von den jungen Talenten der Immling Akademie, auf einer Bühne, die – ja, wirklich – eine Müllkippe ist. Ein wilder Mix aus Tanz-Battle, Gesangsshow und Identitätskrise im Fellkostüm. Und genau das macht es für diesen Nachmittag perfekt: Hier zählt nicht das feine Verständnis eines historisch verwickelten Librettos (Sie erinnern sich an den Maskenball …), hier zählen Rhythmus, Farbe, Bewegung, Unmittelbarkeit. Katzen, die tanzen und singen, versteht jeder Mensch sofort – ganz gleich, mit welchen Voraussetzungen er in den Saal kommt.
Und es steckt noch mehr darin. Im Kern erzählt „Cats“ von einer nächtlichen Versammlung, bei der eine ganze Gemeinschaft darüber entscheidet, wer noch einmal neu ins Leben aufbrechen darf. Eine Gemeinschaft, die zusammenkommt und niemanden draußen stehen lässt – gibt es ein passenderes Stück für eine Vorstellung, deren ganzes Wesen das Miteinander ist? Ich glaube nicht. Dazu kommt ein schöner Nebeneffekt: Hier begegnet der Immlinger Nachwuchs, die Jüngsten des Festivals, einem Publikum, das ihnen etwas zurückgibt, das man auf keiner Gesangsschule lernt. Beide Seiten wachsen an diesem Nachmittag.
Termin für alle, die jetzt Lust bekommen haben, das mitzuerleben oder zu unterstützen: Sonntag, 9. August 2026, 15 Uhr, im Festspielhaus Immling. Karten für die Inklusionsvorstellung gibt es ausschließlich über das Ticketbüro (Tel. 08055 9034-0).
Zum Schluss
Ich habe einmal an anderer Stelle geschrieben, dass Zusehen allein nicht ausreicht, um etwas zu verändern. Bei der Inklusionsvorstellung wird dieser Satz jedes Jahr eingelöst – von den Stiftungen, die es möglich machen, von den Helferinnen und Helfern, die umbauen und begleiten, von den Künstlerinnen und Künstlern, die spielen, als hinge ihr Leben davon ab, und von einem Publikum, das uns allen vorführt, wie man richtig feiert.
Kommen Sie vorbei. Es lohnt sich – für alle.
Wir sehen uns auf dem Hügel.
Herzlichst
Ihre Christiane Berker
