
30 Jahre Klang auf dem Hügel: Eine Reise mit Richard Strauss und Beethoven

Dreißig Jahre. Das ist für ein Opernfestival kein Jubiläum – das ist ein Wunder. Und wie jedes Wunder braucht es eine Geschichte, die es erklärt. Diese Geschichte heißt: Menschen, die sich entschieden haben, Musik nicht als Beruf zu begreifen, sondern als Berufung. Menschen, die Jahr für Jahr auf diesen Hügel kommen – mit ihren Instrumenten, ihren Stimmen, ihrer Leidenschaft – und gemeinsam etwas erschaffen, das größer ist als jeder Einzelne.
Dieser Jubiläumsabend erzählt genau diese Geschichte. In drei Kapiteln, mit drei Werken, die nicht zufällig zusammenstehen: Richard Strauss’ Also sprach Zarathustra über die geistige Reife, die dreißig Jahre gemeinsames Musizieren schenken. Strauss’ Don Juan über die Leidenschaft, mit der alle dabei sind. Und Beethovens 9. Sinfonie über das, was Immling seit Jahren auszeichnet: Vielfalt, die keine Kulisse ist, sondern gelebter Alltag. Das Publikum ist eingeladen, diese Reise mitzumachen.
Richard Strauss: „Also sprach Zarathustra“ – Die geistige Reise der Musiker
Wenn ein Festival dreißig Jahre feiert, darf der Abend nicht einfach beginnen. Er muss entstehen. Und genau das tut „Also sprach Zarathustra“. Jene acht Takte, in denen das Universum entsteht – tief im Orgelpunkt, dann langsam aufsteigend in Blech und Pauke, bis der Akkord explodiert – sind mehr als eine Eröffnung. Sie sind eine Aussage: Hier beginnt etwas. Wieder. Zum dreißigsten Mal.
Strauss komponierte das Werk 1896 und wollte damit keine Philosophie illustrieren. Es ging ihm um etwas anderes: die Entwicklung des Menschen vom ersten Bewusstsein bis zur Entfaltung seiner Möglichkeiten. Genau das ist es, was dreißig Jahre gemeinsames Musizieren bewirken. Wer ein Instrument oder eine Stimme über Jahre in einem Ensemble entwickelt, wer Spielzeit für Spielzeit neue Partituren durchdringt, neue Kollegen kennenlernt, sich neuen Anforderungen stellt – der wächst. Nicht nur technisch. Auch innerlich.
„Zarathustra“ klingt wie diese Reise. Für das Festivalorchester ist „Zarathustra“ eine Herausforderung und ein Geschenk zugleich: Die Partitur verlangt Präzision in den hohen Streichern, dramatische Kraft im Blech und absolute Stille in den Pianissimo-Momenten. Es gilt als eines der technisch anspruchsvollsten Werke für Orchester – und vor allem: ein Ensemble, das weiß, wohin es will. Das kann nur eines, das dreißig Jahre Erfahrung in den Instrumenten trägt.
„Der Mensch entfaltet seine Möglichkeiten.“ Das gilt auch für ein Festival – und für jeden, der auf diesem Hügel spielt.
Richard Strauss: „Don Juan“ – Die Leidenschaft, mit der alle dabei sind
Das Publikum ist gefesselt. Das Universum ist entstanden. Und jetzt – jetzt brennt die Bühne. Wir sehen, was diese Menschen wirklich antreibt.
„Don Juan“ – entstanden 1888/89, als Strauss gerade einmal 24 Jahre alt war – ist keine Musik für Gleichgültige. Diese sinfonische Dichtung entlädt in weniger als zwanzig Minuten mehr Energie als viele Symphonien in vier Sätzen.
„Don Juan“ ist ein Paradewerk für ein exzellentes Festivalorchester, weil es keine Schwäche vergibt: Die Hornpassagen exakt gesetzt, die Streicher brennen, das Oboen-Solo berührt. Und das alles muss gemeinsam atmen – mit einer Dirigentin, die alles im Griff hat und gleichzeitig loslassen kann, damit die Musik lebt.
Genau das ist die Leidenschaft, die das Immling Festival ausmacht. Niemand spielt hier aus Pflicht. Die Musikerinnen und Musiker kommen auf diesen Hügel, weil sie es wollen – weil sie glauben, dass diese Musik, an diesem Ort, in diesem Ensemble, etwas Besonderes ist. „Don Juan“ ist das Klangbild dieser Überzeugung: eine Musik, die nur dann wirklich lebt, wenn alle vollständig dabei sind.
Als zweites Stück des Abends steht „Don Juan“ für das Festival in vollem Lauf: nicht mehr am Anfang, noch nicht am Ziel – sondern mittendrin, mit der ganzen Kraft derer, die wissen, warum sie hier sind.
Dann: Pause. Zeit zum Durchatmen.
Beethoven: Die Neunte – Die Vielfalt, die Immling lebt
Es gibt Musikwerke, die über sich selbst hinauswachsen. Beethovens 9. Symphonie d-Moll op. 125 ist eines davon – das eindrücklichste Beispiel dafür, was Musik leisten kann, wenn sie aufhört, nur Musik zu sein, und anfängt, eine Haltung zu formulieren – wenn eine Symphonie zum Manifest wird.
Ludwig van Beethoven schrieb sie zwischen 1817 und 1824, großenteils bereits vollständig taub. Aber was ihn unsterblich macht, ist die Entscheidung im letzten Satz: Er nahm Solisten und einen Chor hinzu – ein damals unerhörter Schritt in der symphonischen Musik – und vertonte Friedrich Schillers „Ode an die Freude“. „Alle Menschen werden Brüder“ – dieser Satz klingt in einer Welt voller Konflikte heute so radikal wie zur Zeit seiner Entstehung. Das Immling Festival lebt ihn: Seit vielen Jahren vereint das Festival auf der Bühne, im Orchestergraben und im Chor Künstlerinnen und Künstler aus über 30 Nationen. Kein Programmheft der Welt formuliert das eindrucksvoller als diese Besetzungsliste.
Als krönender Abschluss dieses Abends ist die Neunte mehr als eine Programmwahl. Nach dem geistigen Aufbruch des „Zarathustra“ und der lodernden Leidenschaft des „Don Juan“ betritt jetzt der Chor die Bühne – und mit ihm das Versprechen, das dieses Festival seit dreißig Jahren einlöst: dass Musik keine Grenzen kennt, keine Sprachen, keine Herkunft. Ein Festivalchor, der in dieser Besetzung gemeinsam musiziert, singt die Neunte anders als jedes professionelle Stadttheater-Ensemble. Er singt sie mit geteilten Probenabenden, mit dem Wissen um die Eigenheiten des Akustikzelts auf dem Hügel – und mit dem Stolz derer, die aus aller Welt hierher gefunden haben.
Beethovens Finale ist kein Schlusspunkt. Es ist ein Versprechen. Und dreißig Jahre sind der richtige Zeitpunkt, es noch einmal laut auszusprechen – mit allen Stimmen, aus allen Nationen, die diesen Hügel kennen.
Cornelia von Kerssenbrock: 25 Jahre im Orchestergraben des Immling Festivals
Und dann ist da noch jemand, über den man eigentlich am meisten reden sollte: Cornelia von Kerssenbrock.
Wer Opernfestivals kennt, weiß, dass der Orchestergraben kein gemütlicher Ort ist. Es ist ein Ort der Präzision, der Kommunikation, des ununterbrochenen Hörens – auf die Sänger, auf das Orchester, auf den Raum. Eine Dirigentin, die dort fünfundzwanzig Jahre arbeitet, hat nicht Glück gehabt. Sie hat etwas geleistet.
Cornelia von Kerssenbrock feiert an diesem Abend ihr eigenes Jubiläum: 25 Jahre Bühnenpräsenz im Orchestergraben des Immling Festivals. Das ist bemerkenswert – nicht nur als Zahl, sondern als Qualitätsbeweis. Denn wer ein Festival aus nächster Nähe begleitet, wer seine Sänger kennt, sein Orchester versteht und gleichzeitig die musikalische Vision eines Abends trägt, entwickelt eine Vertrautheit mit dem Klangkörper, die kein Gastdirigent mitbringt.
Ihre Qualitäten liegen in einer seltenen Kombination: technische Präzision, die einem Orchesterapparat Sicherheit gibt – und gleichzeitig eine musikalische Sensibilität, die Spielern und Sängern den Raum lässt, sich zu entfalten. Wer Cornelia von Kerssenbrock beim Arbeiten beobachtet hat, weiß: Sie hört zu. Sie reagiert. Und sie gestaltet, ohne zu dominieren. Dass es ihr gelingt, diesen Abend – mit seiner Vielschichtigkeit, seiner Dramatik, seiner Vielfalt – zu einem geschlossenen Erlebnis zu formen, ist selbst schon eine Aussage darüber, was fünfundzwanzig Jahre in diesem Orchestergraben bedeuten. Es ist ein Geburtstagsgeschenk: das Beste, was ein Festival seinen Musikern, seinem Publikum und sich selbst machen kann.
Warum Sie unbedingt dabei sein sollten
Die Antwort ist einfach: Weil es solche Abende nicht oft gibt.
Dieser Abend ist eine Reise. Sie beginnt mit einem kosmischen Aufbruch und der stillen Frage: Wozu sind wir fähig? Sie führt durch die Leidenschaft derer, die ihre Antwort längst gefunden haben. Und sie endet mit dem größten Chorfinale der Musikgeschichte – gesungen von Menschen aus über dreißig Nationen, die gemeinsam einen Satz meinen, den Beethoven vor zweihundert Jahren notiert hat.
Das Publikum ist eingeladen, diese Reise mitzumachen. Nicht als Zuschauer. Als Mitreisende.
Dreißig Jahre Immling Festival, fünfundzwanzig Jahre Cornelia von Kerssenbrock. Das sind keine Zahlen. Das ist eine Geschichte. Und an diesem Abend können Sie ein weiteres Kapitel davon erleben.
Wir sehen uns auf dem Hügel im Chiemgau!
Wie immer herzlichst
Ihre Christiane Berker
