Suvi Väyrynen & Stefanie Knorr in Die Zauberflöte 2026
Mariella Weiss
23.06.2026

Die Zauberflöte oder: Was Sie schon immer über Mozart wissen wollten, aber nie zu fragen wagten

Christiane Berker
Christiane Berker

Vorab ein Hinweis: Dieser Text stellt die persönliche Meinung von Christiane Berker dar – was ich mir halt so denke, wenn ich mich mit der Zauberflöte befasse…


Oper ist ja bekanntlich „völlig out-dated“. Aber die Zauberflöte? Die ist so un-out-dated, dass sie heute noch in jedem einzelnen Opernhaus der Welt auf dem Spielplan steht. Nicht einmal Wagner schafft das. Und Mozart hat sie in einem Zustand geschrieben, der jeden modernen Selbstoptimierungscoach in den Wahnsinn treiben würde: mit 35 Jahren, krank, verschuldet, und mit dem leisen Gefühl, dass die Zeit knapp werden könnte. Er hatte recht. Die Uraufführung war am 30. September 1791. Mozart starb am 5. Dezember 1791. Sechsundsechzig Tage später.


Aber der Reihe nach. Die Geschichte dürfte jedem bekannt sein, deshalb gibt es diesmal keinen Inhalt, sondern was so alles drumherum geschah… 


Zwei Pleitegeier auf der Suche nach dem großen Wurf

Die Geschichte beginnt mit zwei Männern in finanzieller Not. Emanuel Schikaneder – Schauspieler, Regisseur, Librettist und notorischer Lebemann – betrieb das Theater im Freihaus auf der Wieden in Wien. Das war kein Hoftheater, kein Palast der feinen Gesellschaft, das war Volkstheater, Jahrmarkt der Sinne, das Äquivalent zum heutigen Multiplex-Kino: Zauberstückchen, Kasperl, fliegende Maschinen, Feuerfontänen. Und Schikaneder brauchte dringend einen Kassenschlager, denn seine Kasse war … nennen wir es großzügig „übersichtlich“.

Wolfgang Amadeus Mozart war ebenfalls übersichtlich aufgestellt, was seine Finanzen betraf. Er schrieb Briefe an seinen Freund Michael Puchberg mit Formulierungen, die wir heute als „Kontostand-Panik“ bezeichnen würden. Also: zwei verschuldete Freunde, ein Auftrag, eine Oper. Schikaneder bat Mozart, ihm eine Zauberoper zu schreiben – mit allem, was das Publikum liebte: Spektakel, Humor, rührenden Momenten und möglichst vielen Verwandlungsszenen. Mozart sagte zu. Vielleicht weil er musste. Vielleicht weil ihn die Idee begeisterte. Wahrscheinlich beides.

Was dabei herauskam, ist bis heute eines der meistgespielten Bühnenwerke der Welt. Schikaneder wurde reich. Mozart erlebte den Erfolg nur noch in Ansätzen.


Der Freimaurer, der kein Freimaurer mehr war – und trotzdem mitmachte

Jetzt müssen wir kurz über Freimaurer reden. Mozart war einer, und er meinte das ernst. Die Loge war für ihn kein gesellschaftliches Accessoire, sondern echte Überzeugung: Aufklärung, Humanismus, Brüderlichkeit. Schikaneder war auch Freimaurer gewesen – aber man hatte ihn aus der Regensburger Loge hinausgeworfen. Der offizielle Grund? Unbelegte Verhältnisse mit der Ehefrau oder Tochter eines Logenbruders. Die historische Forschung formuliert das vorsichtig. Die Zeitgenossen waren weniger zurückhaltend.

Die ganze Oper steckt voller Freimaurersymbolik, und das ist kein Zufall. Die Prüfungen, die Tamino bestehen muss – Schweigen, Wasser, Feuer – spiegeln die Einweihungsriten der Freimaurer so getreu wider, dass Mozart sich von einigen Logenbrüdern den Vorwurf des Geheimnisverrats einhandelte. Und damit kommen wir zu meinem Lieblingsgerücht der Operngeschichte: Mozart sei von Freimaurern vergiftet worden, weil er in der Zauberflöte zu viel preisgegeben hatte.

Das ist natürlich Unsinn. Aber was für ein wunderbar dramatischer Unsinn. In Wirklichkeit starb Mozart höchstwahrscheinlich an einer Nierenerkrankung, möglicherweise verstärkt durch nicht ganz zeitgemäße ärztliche Behandlungen. Trotzdem: der Gedanke, dass eine Oper so gefährlich sein könnte, dass man dafür mit dem Leben bezahlt – das hat was! Die Zauberflöte als Thriller - warum nicht?

Und dann ist da noch die heilige Zahl drei, die sich durch die gesamte Oper zieht wie ein roter – oder vielmehr dreieckiger – Faden. Drei Damen, drei Knaben, drei Sklaven, drei Tempel. Die Ouvertüre beginnt mit drei Akkorden. Die Prüfungen sind drei. Alles drei. Man fragt sich, wie Schikaneder beim Schreiben des Librettos gezählt hat. Mit den Fingern einer Hand, konsequent nur bis drei.


Die Schwägerin singt – und Mozart schreibt ihr die unmöglichste Arie der Operngeschichte

Die Rolle der Königin der Nacht – diese weltbeherrschende, rachsüchtige, atemberaubend böse Figur – wurde bei der Uraufführung von Josepha Hofer gesungen. Josepha Hofer war Mozarts Schwägerin. Die ältere Schwester von Constanze Mozart. Man stelle sich das vor: Mozart schreibt der älteren Schwester seiner Frau eine Arie, die das absolute Limit der menschlichen Stimme auslotet.

„Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“ – die Rachearie im zweiten Akt – ist bis heute die Höchstleistung des Koloratursoprans. Das hohe F, das die Sängerin in dieser Arie treffen muss, ist der höchste Ton, der je systematisch im Opernrepertoire verlangt wird. Nicht gelegentlich, nicht als Effekt, sondern als essenzieller Teil der Dramatik. Mozart kannte Josephas Stimme genau. Er schrieb ihr diese Arie buchstäblich „in die Kehle“, wie man so sagt.

Heute gibt es Sängerinnen, die diese Rolle zur Spezialisierung machen. Und solche, die sie einmal singen und dann nie wieder. Die Königin der Nacht ist der Mount Everest des Sopranfachs: Jeder weiß, dass es ihn gibt, die meisten schauen lieber von unten hin.


Der Glockenspiel-Streich: Mozart, der Brötchen-Dirigent

Schikaneder spielte bei der Uraufführung selbst die Rolle des Papageno. Das Vogelmann-Kostüm, die komischen Einlagen, die Gunst des Publikums – er liebte es. Papageno war seine Paraderolle. Und Schikaneder mimte bei seinem Glockenspiel-Auftritt so überzeugend, als spiele er das Instrument selbst, dass das Publikum es glaubte.

Was das Publikum nicht wusste: Mozart saß im Orchestergraben und spielte das Glockenspiel selbst. Und Mozart, dieser große Komponist, dieser Titan der abendländischen Musik, dieser Freigeist und Humanist – entschloss sich eines Abends, einen Streich zu spielen. Während einer der Pausen, in denen Schikaneder auf den nächsten Einsatz wartete, spielte Mozart einfach weiter. Noch ein Arpeggio, noch einen Akkord, völlig unangekündigt.

Schikaneder, auf der Bühne, im vollen Kostüm, vor hunderten von Zuschauern, stockte. Hörte hin. Spielte dann weiter. Beim nächsten Mal: Mozart spielte nicht. Schikaneder stockte erneut – und reagierte, wie das große Theaterleute in solchen Situationen tun: Er schlug mit seinem (Requisiten-)Glockenspiel gegen das nächste Requisit und rief in die Kulisse: „Halt’s Maul!“

Kein Biograf hat bisher erklären können, wie das Publikum darauf reagiert hat. Ich stelle mir vor, dass es für einen kurzen Moment völlig still wurde. Und dann … nun, wir kennen das Publikum der Zauberflöte. Die lachen. Die haben immer gelacht. Das ist ein wesentlicher Teil des Werks.


„Der Beifall war mäßig“ – und dann kam der Sturm

Die Kritik zur Uraufführung war – sagen wir: zum Nachdenken anregend. Das Musikalische Wochenblatt befand, dass „der Beifall fehlte, weil Inhalt und Sprache des Stücks weit zu schlecht seien“. Gemeint war Schikaneders Libretto, das mit seiner bunten Mischung aus ägyptischer Mythologie, Freimaurersymbolik, Volkstheater-Humor und philosophischem Anspruch die Ästhetik-Kritiker vor rätselhafte Fragen stellte.

Und das Libretto ist tatsächlich… interessant. Die Handlung hat eine Logik, die man am besten nicht zu genau hinterfragt. Die Königin der Nacht wird zunächst als Gute eingeführt, dann ist sie plötzlich die Böse. Sarastro erscheint zuerst als finsterer Entführer, entpuppt sich dann als weiser Hochpriester. Der Mohr Monostatos ist von Beginn an böse – was die heutige Opernregie nicht selten vor Probleme stellt und zu Neuinterpretationen führt, die manchmal erhellend und manchmal … ambitioniert sind. Papageno sucht eine Papagena und findet sie nach mehreren Umwegen, die man als dramaturgisch nicht ganz zwingend bezeichnen dürfte.

Mozart schöpfte aus diesem schillernden Chaos Musik von erschütternder Schönheit. „Ach, ich fühl’s“, Paminas Arie der Verlassenheit. Der Priesterchor. Papagenos Panflötenspiel. Die Ouvertüre, die mit diesen drei Akkorden beginnt und nie wieder loslässt. Man sitzt im Publikum und fragt sich, wie ein Mensch das geschrieben haben kann – sterbenskrank, verschuldet, in einem Wiener Theater–Hinterzimmer sitzend, mit dem Tod im Nacken.

Innerhalb von Wochen nach der Uraufführung wurde die Zauberflöte zum Kassenschlager. Schikaneder spielte sie 200 Mal in Folge. Mozart schrieb seiner Frau Constanze, die sich zur Kur in Baden bei Wien befand, am 7. Oktober 1791 einen Brief voller Begeisterung: Er sei in der Oper gewesen, habe sich ins Orchester gesetzt, habe mitgespielt. Er war glücklich. Wenige Wochen später war er tot.


Was bleibt

Was ich an der Zauberflöte liebe, ist genau das, was ihre Kritiker ihr vorwerfen: Sie ist unerträglich vielschichtig. Sie ist gleichzeitig Kindermärchen und Freimaurergeheimnis, Volkstheaterspaß und philosophischer Traktat, turbulente Liebeskomödie und feierliches Mysterienspiel. Kein anderes Opernwerk hält diese Widersprüche so mühelos zusammen.

Tamino und Pamina bestehen ihre Prüfungen und finden zueinander – durch Mut, Schweigen, Liebe und eine Flöte, die tatsächlich Magie wirkt. Papageno findet seine Papagena auf einfacherem, menschlicherem Weg: Er will sie einfach sehr, sehr, sehr. Die Königin der Nacht verliert und kracht in den Abgrund – mit der vielleicht unwiderstehlichsten Musik, die je für eine Bösewichtin geschrieben wurde.

Und Sarastro? Der steht da mit seiner Weisheit und seinen Priestern und seiner etwas patriarchalen Ordnung der Dinge – und singt „In diesen heiligen Hallen“ mit einer Stimme, bei der selbst die modernste Regisseurin kurz das Kritisieren vergisst und einfach nur zuhört.

Das ist die Zauberflöte. Unordentlich, widersprüchlich, verrückt, großartig. 
In Immling werden wir sie diesen Sommer erleben. Lassen Sie sich überraschen, was unser ganz persönlicher Zauberer Ludwig Baumann diesmal daraus gemacht hat – immerhin hat ja vor 30 Jahren mit der Zauberflöte alles auf dem Hügel angefangen …


In diesem Sinne – wir sehen uns!
Ihre Christiane Berker