
Cats – Wenn die Akademie Immling das Rampenlicht erobert

Sie werden diesen Text möglicherweise mit einem gewissen amüsierten Stirnrunzeln lesen – „Cats”? Zwischen Verdi, Puccini und Mozart? Bei einem Opernfestival? Ich gebe zu, auch ich habe kurz gezögert, bevor mir aufging, warum genau dieses Musical genau hierher gehört. Zum jährlichen Immling-Musical habe ich ohnehin einen ganz besonderen Bezug: Bei „Footloose” durfte ich selbst als Regieassistenz mitwirken – und seither schaue ich mit einem anderen, vielleicht liebevolleren Blick auf das, was hinter den Kulissen des Musicals passiert, wenn ich im Publikum sitze. Wie immer handelt es sich bei dem Folgenden um meine ganz persönliche, unverblümte Meinung – diesmal mit einem Schwerpunkt auf unserem großartigen Nachwuchs.
Es gibt Werke, die brauchen keine Handlung, um Weltruhm zu erlangen. „Cats” ist so ein Fall. Wenn Sie sich nach der Vorstellung fragen, „aber worum ging es jetzt eigentlich genau?” – herzlichen Glückwunsch, Sie haben das Stück vollkommen richtig verstanden. Denn „Cats” hat keine Handlung im klassischen Sinne. Es hat eine Versammlung, eine Nacht, eine Entscheidung – und einen Himmel, der auf eine ziemlich schräge Art erreicht wird.
Die Handlung – oder: Warum Katzen sich einmal im Jahr versammeln
Einmal im Jahr treffen sich die Jellicle-Katzen zum „Jellicle Ball”, um gemeinsam zu feiern, sich vorzustellen, zu tanzen – und am Ende erwählt der alte, weise Kater Old Deuteronomy eine von ihnen, die aufsteigen darf in die „Heaviside Layer”, um dort wiedergeboren zu werden. Und ist das nicht, wenn man kurz innehält, die perfekte Blaupause für das, was wir in diesem Sommer feiern? Auch das Immling Festival trifft sich seit dreißig Jahren einmal im Jahr auf seinem Hügel, um zu feiern, sich zu zeigen, sich neu zu erfinden – und jedes Mal aufs Neue die Frage zu stellen, wer in diesem Jahr besonders glänzen darf. Vielleicht ist „Cats” also gar keine so schräge Wahl fürs Jubiläumsjahr, sondern eine ziemlich passende Selbstbespiegelung: ein wiederkehrendes Ritual, bei dem am Ende nicht der Sieg, sondern die Erneuerung zählt.
Mehr Plot gibt es nicht, und mehr Plot braucht es auch nicht. Stattdessen bekommen wir eine Parade schillernder Charaktere: den glamourösen Bühnenkater Rum Tum Tugger, die mondäne Diva Grizabella, die einst gefeiert wurde und nun verstoßen am Rand der Gesellschaft steht, den Magier Mr. Mistoffelees, das Gauner-Duo Mungojerrie und Rumpleteazer, den ehrwürdigen Bahnhofskater Skimbleshanks. Jede Figur bekommt ihre eigene Nummer, ihren eigenen musikalischen Auftritt, ihren eigenen Moment im Rampenlicht. Am Ende steigt Grizabella auf – erlöst, vergeben, gefeiert – und das Publikum liegt, seien wir ehrlich, meistens in Tränen.
Ein Welterfolg aus Nonsens-Gedichten
Was viele nicht wissen: „Cats” basiert auf einer Gedichtsammlung des Literaturnobelpreisträgers T. S. Eliot, „Old Possum’s Book of Practical Cats”, geschrieben in den 1930er-Jahren ursprünglich für seine Patenkinder. Eliot, der große Ernst der modernen Lyrik, der Mann hinter „The Waste Land”, schrieb also nebenbei auch verspielte Verse über schrullige Kater und selbstbewusste Katzendamen. Andrew Lloyd Webber entdeckte diese Gedichte, vertonte sie – und schuf damit 1981 in London ein Bühnenwerk, das zu einem der erfolgreichsten Musicals aller Zeiten wurde. Über 21 Jahre lief es im Londoner West End, wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt und von Millionen Menschen weltweit gesehen. Und alles ohne klassische Dramaturgie, ohne Held und Antiheld, ohne die üblichen Liebeswirren – nur mit Katzen, die tanzen, singen und ihre Persönlichkeit zelebrieren. Man könnte sagen: „Cats” ist der Beweis, dass ein Theaterabend auch ganz ohne Krimi-Spannung funktionieren kann – wenn nur die Musik und die Performance stimmen.
Warum „Cats” perfekt für unsere jungen Talente der Akademie Immling ist
Und damit kommen wir zum eigentlichen Grund, warum ich diesen Text überhaupt schreibe. Denn dieses Jahr bringt die Akademie Immling – unser Nachwuchsprogramm, in dem junge, angehende Sänger:innen und Performer:innen ausgebildet werden – „Cats” auf die Bühne. Und ich behaupte: Es gibt kaum ein besseres Stück, um jungen Talenten den Sprung ins professionelle Musiktheater zu ermöglichen.
Warum? Weil „Cats” ein Ensemblestück ist. Es gibt keine einzelne tragende Hauptrolle, auf der der ganze Abend lastet – stattdessen bekommt praktisch jede und jeder im Ensemble einen eigenen musikalischen Moment. Das bedeutet: Viele junge Stimmen dürfen sich zeigen, viele junge Talente bekommen ihren Solo-Auftritt, ihre eigene Nummer, ihre eigene Chance zu glänzen. Für eine Akademie, die jungen Menschen genau diese Bühnenerfahrung ermöglichen will, ist das Gold wert.
Hinzu kommt die stilistische Bandbreite der Partitur. Lloyd Webber hat hier nicht einen einzigen musikalischen Duktus bedient, sondern eine ganze Reise durch Genres: Musical-Balladen, Jazz, Tango, Music-Hall-Nummern, sogar Anklänge an Operngesang. Für junge Sänger:innen, die noch herausfinden, welches Fach, welcher Stil ihnen liegt, ist das ein Trainingslager der besonderen Art – in einem einzigen Abend probieren sie sich durch ein ganzes musikalisches Universum.
Und dann ist da noch die körperliche Dimension. „Cats” verlangt nicht nur Gesang, sondern eine vollständige physische Verwandlung – Bewegung, Tanz, Körperspannung, Präsenz. Wer als junger Mensch lernt, gleichzeitig zu singen, sich choreografisch anspruchsvoll zu bewegen und dabei eine Figur glaubhaft zu verkörpern, die keine Sekunde lang „Mensch” sein darf, sondern immer Katze bleiben muss – der lernt fürs ganze Bühnenleben. Kaum ein anderes Stück bringt Gesang, Tanz und Schauspiel so unmittelbar und so fordernd zusammen wie dieses.
Die Herausforderung für die jungen Sänger:innen
Aber – und hier wird es ehrlich – „Cats” ist kein Spaziergang. Im Gegenteil: Es gehört zu den anspruchsvollsten Stücken, die man jungen Talenten überhaupt zumuten kann.
Erstens die Stimme selbst: Die Partitur verlangt enorme Bandbreite, von zarten, verletzlichen Balladentönen bis zu kraftvollen, belting-artigen Ausbrüchen. Gerade jüngere, noch nicht vollständig ausgereifte Stimmen müssen hier lernen, mit dieser Bandbreite behutsam umzugehen, ohne sich zu überfordern.
Zweitens die körperliche Ausdauer: Fast zwei Stunden lang in Bewegung, in Tanzchoreografien, die die Bewegungen echter Katzen imitieren sollen – geschmeidig, lauernd, sprunghaft, verspielt – und das alles bei gleichzeitigem Gesang. Wer schon einmal versucht hat, während intensiver körperlicher Anstrengung sauber zu singen, weiß: Das ist eine eigene Kunstform.
Drittens die darstellerische Aufgabe: Eine Katze zu spielen, ohne ins Alberne, Klischeehafte oder Übertriebene abzurutschen, sondern eine echte, eigenständige Persönlichkeit auf die Bühne zu bringen – das ist schauspielerisch keine Kleinigkeit. Gerade junge Darsteller:innen müssen hier lernen, Mut zur Reduktion zu haben, Präzision statt Effekthascherei.
Und viertens – vielleicht die größte Herausforderung überhaupt – der Vergleich. „Memory”, die berühmteste Nummer des Stücks, kennt praktisch jeder, ob durch Elaine Paige, Barbra Streisand oder unzählige andere Interpretinnen. Wer diese Nummer singt, singt sie im Bewusstsein, dass das Publikum längst eine Erwartung im Kopf hat. Für junge Sänger:innen bedeutet das: den Mut aufzubringen, die eigene Version zu finden, statt zu kopieren – eine der schwierigsten, aber auch lehrreichsten Aufgaben, die man einer jungen Stimme stellen kann.
Ein bewährtes Team für ein forderndes Stück
Und noch etwas beruhigt bei einem so anspruchsvollen Unterfangen: Für die Inszenierung zeichnet erneut das bewährte Team Verena von Kerssenbrock (Regie) und Judith Seibert (Choreographie) verantwortlich. Wer die Arbeit von Verena von Kerssenbrock aus den vergangenen Produktionen kennt, weiß, dass sie ein untrügliches Gespür dafür hat, große Bühnenmomente zu schaffen, ohne dabei die einzelnen Figuren aus dem Blick zu verlieren – eine Qualität, die bei „Cats” mit seinem großen Ensemble und den vielen kleinen Charakterporträts genau richtig ist. Und da dieses Stück nun einmal zu großen Teilen über Bewegung erzählt wird, ist Judith Seibert als Choreographin die entscheidende zweite Hälfte dieses Duos: Sie muss aus jungen, noch lernenden Körpern jene geschmeidige, katzenhafte Bewegungssprache herausarbeiten, die das Stück überhaupt erst zum Leben erweckt. Gerade für unsere jungen Talente der Akademie ist das ein Glücksfall – sie werden nicht einfach nur angeleitet, sondern von zwei Profis begleitet, die sich seit Jahren aufeinander verlassen und genau wissen, wie sie das Beste aus jeder einzelnen Person auf der Bühne herausholen.
Marina Meggle als Schirmherrin
Dass ausgerechnet dieses fordernde, aber auch so wunderbar öffnende Stück unter der Schirmherrschaft von Marina Meggle steht, passt bestens ins Bild. Die Familie Meggle ist dem Immling Festival seit vielen Jahren eng verbunden, und dass Marina Meggle die jüngere Generation in der Akademie Immling unterstützt, ist ein schönes Zeichen dafür, wie sehr der Gedanke der Förderung junger Talente hier weitergetragen wird. Eine Schirmherrschaft ist ja nie nur ein Titel – sie ist ein Bekenntnis: zu den jungen Menschen, die hier ihre ersten großen Bühnenerfahrungen sammeln, und zu einem Festival, das sich nicht nur mit den etablierten großen Namen schmückt, sondern konsequent in die Zukunft investiert.
Warum Sie sich das nicht entgehen lassen sollten
Vielleicht ist es gerade das, was diesen Abend so besonders macht: Sie sehen keine abgeklärten Routiniers, die ihre hundertste Vorstellung herunterspielen, sondern junge Menschen, die alles geben, weil sie genau wissen, welche Chance ihnen hier gegeben wird. Diese Mischung aus Nervosität, Energie, Hingabe und echter Freude am Tanzen und Singen – das ist eine Qualität, die man mit Geld nicht kaufen kann, die aber jeden Abend im Publikum spürbar wird.
Und ganz nebenbei: Wenn Sie schon immer wissen wollten, wie sich ein literarischer Nobelpreisträger in Katzengedichten austobt, wie aus Nonsens-Versen eines der erfolgreichsten Musicals aller Zeiten wurde, und wie junge Talente an genau diesem Stück wachsen können – dann ist dieser Abend genau der richtige für Sie.
Wir sehen uns auf dem Hügel.
Herzlichst Ihre Christiane Berker
