Jubiläumsgala
23.07.2026

DAS VERDI REQUIEM oder: Was passiert, wenn ein Zweifler die größten Fragen stellt

Christiane Berker
Christiane Berker

Vorab ein Hinweis: dieser Text stellt, wie immer, die ganz persönliche Meinung von Christiane Berker dar. Diesmal ist er ein wenig anders als sonst – und ich bitte um Nachsicht, wenn er an einer Stelle etwas leiser wird als gewohnt.

Es gibt Jahre, die einem mehr abverlangen als andere. Und es gibt Musik, die genau dann auftaucht, wenn man sie braucht. Ein Musikstück war seit August 2025 geplant, dann, 2026, veränderte sich die Bedeutung von „einem der Konzerte im Jubiläumsjahr“ zu einem persönlichen Tribut.

Das Immling Festival hat in diesem Jahr drei Menschen verloren, ohne die vieles von dem, was auf diesem Hügel entstanden ist, so nicht entstanden wäre. Angelika Weiss-Greither war eine Förderin und Freundin. Toni Meggle, Sponsor und Freund des Festivals, der Immling mit Überzeugung und Großzügigkeit begleitet hat – eine dieser Persönlichkeiten, die man nicht ersetzt, die man nur vermisst. Und Hubert von Kerssenbrock, Vater von Cornelia und Verena von Kerssenbrock – und damit, wenn man es so formulieren darf, Vater auch eines gehörigen Teils von dem, was auf diesem Hügel musikalisch und szenisch passiert. Verluste wie diese sucht man nicht in Programmbüchern. Man trägt sie mit sich.

Über Verluste kann man Worte finden – schöne, nachdenkliche, würdige Worte. Aber manchmal reichen Worte nicht. Manchmal braucht man Musik. Und manchmal braucht man genau die richtige Musik.
Das Verdi Requiem ist genau das.

Zuerst die Grundlagen – für alle, die sich trauen zu fragen
Ein Requiem, falls Sie es wirklich nachschlagen wollten und es dann doch gelassen haben: Das ist die Totenmesse der katholischen Kirche. Ein Gebet für die Seele der Verstorbenen, vertont in unzähligen Varianten, von Mozart bis Brahms. Das Wort kommt vom ersten lateinischen Satz: „Requiem aeternam dona eis, Domine” – „Gib ihnen die ewige Ruhe, o Herr.” Klingt schlicht. Ist es nicht. Vor allem bei Verdi.

Denn Giuseppe Verdi – den Sie kennen als den Mann hinter Rigoletto, La Traviata, Otello und Falstaff – war das, was man freundlich als „sehr zweifelhaften Gläubigen” bezeichnet. Seine Frau Giuseppina schrieb einmal an eine Freundin, dieser Schlingel behaupte mit ruhiger Hartnäckigkeit, kein entschiedener Atheist zu sein, sondern nur ein sehr zweifelhafter Gläubiger. Und ausgerechnet dieser Mann schrieb eines der monumentalsten religiösen Werke der gesamten Musikgeschichte. Das allein ist schon eine Geschichte.

Wie es dazu kam – eine Oper in drei Akten
Erster Akt: Rossini stirbt.
1868 verliert die Musikwelt Gioachino Rossini, den Schöpfer des Barbiers von Sevilla, und Verdi hat eine Idee: ein gemeinsames Requiem, zwölf der bedeutendsten Komponisten Italiens, je ein Satz, ein kollektives Denkmal. Verdi übernimmt den letzten Satz – das „Libera me”, „Befreie mich, o Herr, vom ewigen Tod”. Das Projekt scheitert an Eitelkeiten, Bürokratie und mangelnder Energie des Dirigenten Mariani. Die Noten wandern in die Schublade. Erst 1988 wird die Messa per Rossini in Stuttgart uraufgeführt – fast hundertundzwanzig Jahre zu spät.

Zweiter Akt: Manzoni stirbt.
Am 22. Mai 1873 stirbt Alessandro Manzoni, Italiens bedeutendster Dichter, Autor der „Verlobten” (I Promessi Sposi) – einem Roman, der für die italienische Literatur ungefähr dasselbe bedeutet wie Goethes Faust für die deutsche. Für Verdi ist Manzoni weit mehr als ein Dichter: ein Heiliger in Menschengestalt, ein moralisches Gewissen der Nation, ein Mann des Risorgimento. Als Manzoni stirbt, scheut Verdi die Menschenmassen bei der Beerdigung und steht stattdessen eine Woche später allein an seinem Grab. Und beschließt, die Schublade wieder zu öffnen.

Das „Libera me” wird zur Keimzelle. Verdi reist nach Paris und komponiert in den Sommer- und Herbstmonaten 1873 das gesamte Requiem. Er studiert dabei, wie man hört, die Requiems von Mozart, Cherubini und Berlioz. Dann macht er etwas ganz anderes.

Dritter Akt: Die Uraufführung.
Am 22. Mai 1874 – exakt ein Jahr nach Manzonis Tod, auf den Tag – erklingt das Werk zum ersten Mal in der Kirche San Marco in Mailand. Verdi selbst dirigiert. Der Chor zählt hundertundzwanzig SängerInnen, das Orchester hundert MusikerInnen. Es ist, wie ein Kritiker schreibt, „ein europäisches Kulturereignis”. Drei Tage später die Wiederholung an der Scala, dann eine regelrechte Tournee: Paris, London, Wien, Verdi immer am Pult.

„Oper im Kirchengewand” – und warum das das größte Kompliment ist
Natürlich blieb die Kritik nicht aus. Man hatte Einwände – natürlich hatte man Einwände. Das 19. Jahrhundert liebte Grundsatzdebatten. „Wahre” Kirchenmusik, so die Ansicht der Konservativen, solle „nichts Unheiliges, nichts Weltliches, nichts Theatralisches” enthalten. Was Verdi geliefert hatte, war – nun ja. Alles davon.

Besonders pikant: Der Dirigent Hans von Bülow schrieb eine vernichtende Kritik über das Requiem, ohne es gehört zu haben, ohne die Partitur gesehen zu haben. Er kletterte einfach auf den Zug der Empörten auf und nannte es beiläufig das, was seither als Schimpfwort gemeint und als Kompliment verstanden wird: Oper im Kirchengewand.
Verdi war wütend. Und hatte damit das treffendste Lob seines Lebens erhalten.

Johannes Brahms jedenfalls – der Protestant, der Norddeutsche, der Mann des Deutschen Requiems, also der denkbar unwahrscheinlichste Anwalt Verdis – nahm von Bülow zur Seite. Der Dirigent musste sich schriftlich bei Verdi entschuldigen. Und Giuseppina, Verdis Frau, formulierte dabei vielleicht das Klügste, was je über dieses Werk gesagt wurde: Ein Mann wie Verdi muss auch wie Verdi komponieren – das heißt nach seinen Empfindungen, nach seiner Auffassung der Texte. Der religiöse Geist und die Werke, die ihn bezeugen, müssen den Stempel ihrer Zeit tragen und die Merkmale des Individuums verraten.

Hören Sie sich die Dies Irae an – Der Tag des Zorns – und urteilen Sie selbst. Acht Trompeten, davon vier von der Ferne her, aus verschiedenen Richtungen: Verdi wollte, dass das Jüngste Gericht klingt, als käme es wirklich aus allen Himmelsrichtungen gleichzeitig. Es funktioniert. Auch ohne Glauben. Auch ohne Kirchenbank.

Und dann das Lacrimosa – „Tränenreich jener Tag” –, für das Verdi übrigens auf eine Totenklage aus seiner eigenen Oper Don Carlos zurückgriff: eine Melodie, die sich entfaltet wie Trauer selbst. Das Agnus Dei, in dem Sopran und Mezzosopran in reinen Oktaven singen, als käme der Gesang aus einer anderen Welt. Und das Libera Me am Ende – jener Satz, mit dem Verdi begann und mit dem er endet. Ein Bogen, der sich über die gesamte Komposition spannt.

Das Ganze dauert rund 85 Minuten, ohne Pause. Man hört es durch. Man kommt nicht dazu, zwischendurch wegzudenken.

Theresienstadt – oder: was dieses Werk wirklich kann
Hier muss ich Ihnen etwas erzählen, das ich beim Nachdenken über dieses Requiem entdeckt habe und das mich nicht losgelassen hat.

Zwischen 1943 und 1944 wurde das Verdi Requiem ungefähr sechzehnmal im Konzentrationslager Theresienstadt aufgeführt. Der jüdische Dirigent Rafael Schächter leitete die Proben mit Mitgefangenen – Menschen, die wussten, was um sie herum geschah und was auf sie zukommen konnte. Beim letzten Mal saßen Adolf Eichmann und hochrangige SS-Offiziere im Publikum. Die Gefangenen sangen das „Libera me” – „Befreie mich, o Herr” – direkt in ihre Gesichter.

Verdi hatte das Requiem für einen toten Dichter geschrieben. Ein Zweifler für einen Heiligen. Und es wurde zu dem, was es immer gewesen war, ohne dass Verdi es wissen konnte: ein Werk, das unter allen Umständen Würde behauptet.
Das ist keine Fußnote. Das ist, wofür Musik da ist.

Georgien – und eine Dirigentin, die weiß, wovon sie dirigiert
Und dann ist da noch diese Geschichte, die zeigt, warum die Aufführung dieses Requiems in Immling nicht irgendeine Aufführung ist.
Kurz nach dem Tod ihres Vaters Hubert von Kerssenbrock dirigierte Cornelia von Kerssenbrock das Verdi Requiem in Georgien. Man stelle sich das vor: dieses Werk, das buchstäblich über Abschied, Angst und das Loslassen handelt, kurz nach dem persönlichsten Verlust. Ich weiß nicht, wie man das macht. Ich weiß nur, dass es Menschen gibt, die in der Musik eine Kraft finden, die über sie selbst hinausgeht.

Dass die Aufführung überhaupt stattfand, war dabei keineswegs selbstverständlich: In Georgien, einem zutiefst orthodox-christlichen Land, war der Patriarch Kyrill gestorben. Und wenn dort ein Patriarch stirbt, steht das Land still. Öffentliche Veranstaltungen? Undenkbar. Musik? Unmöglich. Dass die Aufführung trotzdem stattfand, hat etwas, das ich nicht anders beschreiben kann als: konsequent.

Ein Requiem, das fast nicht erklingt – und dann doch erklingt. Eine Dirigentin, die mitten in ihrer eigenen Trauer das Werk anderer Trauernder trägt. Das „Libera me” als letzter Satz: „Befreie mich, o Herr, vom ewigen Tod.”

Warum Sie dabei sein sollten
Dieser Satz fällt mir diesmal leichter und schwerer zugleich.
Leichter, weil die Antwort so einfach ist: Das Verdi Requiem ist eines der größten Werke, die je geschrieben wurden. Punkt.
Schwerer, weil ich Ihnen sagen möchte, dass diese Aufführung mehr trägt als Noten. Sie trägt das Andenken an Toni Meggle und Hubert von Kerssenbrock. Sie trägt die Geschichte einer Dirigentin, die weiß, wovon sie dirigiert. Und sie trägt dreißig Jahre eines Festivals, das immer dann am stärksten war, wenn es etwas zu sagen hatte.

Verdi hat das Requiem für einen Mann geschrieben, den er wie einen Heiligen verehrte. Er selbst war kein Gläubiger – zumindest kein bequemer. Aber er glaubte an die Menschheit. Und dieses Requiem ist sein Beweis: laut dort, wo es laut sein muss, still dort, wo Stille das Einzige ist, was noch bleibt.

Es tröstet nicht, indem es sagt, dass alles gut wird. Es tröstet, indem es uns ernst nimmt. Mit allem, was das bedeutet.

Wir sehen uns auf dem Hügel.
Herzlichst
Ihre Christiane Berker


BalloInMaschera
09.07.2026