
Tosca – Ein politisches Sex & Crime Meisterwerk

Tosca – Ein politisches Sex & Crime Meisterwerk
Vorab ein Hinweis: dieser Text stellt die persönliche Meinung von Christiane Berker dar – was ich mir halt so denke, wenn ich mich mit Tosca befasse…
Oper ist ja eigentlich völlig out-dated, spielt irgendwann in vergangenen Jahrhunderten und dann singen die ja auch ständig… naja, da Sie den Text hier lesen, scheinen Sie (wie ich) anderer Meinung zu sein! Schauen wir uns also „Tosca“ von Giaccomo Puccini mal genauer an:
Eine Oper, die zu den aktuellen politischen Gegebenheiten passt wie kaum eine! Wir haben eine Künstlerin (Floria Tosca) und einen Künstler (Mario Cavaradossi): sie exzentrische Operndiva und im Glauben, wenn sie nur der Kunst lebe, wäre sie vor politischer Gewalt geschützt, er ein Maler und Freidenker, der wiederum mit den liberalen bzw. republikanischen Ideen sympathisiert, gegen die die Geheimpolizei brutal und rücksichtslos vorgeht. Fehlt nur noch der Tyrann, dem die Geheimpolizei untersteht: Scarpia, seinerseits absolutistischer Polizeichef und geheimer Herrscher über Rom. Er ignoriert Gesetze und herrscht durch die Verbreitung von Angst und Gewalt. Scarpia zeigt den Auswuchs völlig ungehemmten Strebens nach totalitärer Macht, sein sexueller Sadismus ist nur ein weiteres Beispiel dafür.
Wenn Ihnen jetzt Namen wie „Trump“ und „ICE“ und Begriffe wie „staatliche Willkür und Polizeigewalt“, „politische Verfolgung und die Folgen“ einfallen, dann wird klar, wie aktuell der Bezug der Oper über mehr als ein Jahrhundert geblieben ist, in unserer heutigen Welt, in der Diktatoren völlig offen zur Schau stellen, wie sie an der Macht zu bleiben gedenken.
Falls Sie nicht mehr genau wissen, was in Tosca passiert, hier eine kurze Zusammenfassung der Oper:
Ein politischer Gefangener (Cesare Angelotti) flieht aus dem Gefängnis und setzt das Unglück in Gang, denn Cavaradossi hilft ihm und bietet ihm Unterschlupf. Für Scarpia der perfekte Köder, um sich endlich Tosca gefügig zu machen. Me-Too ist älter, als Sie denken… Scarpia nutzt die Eifersucht der exzentrischen Diva Tosca und beginnt ein perfides Spiel, das aus der Heroine auf der Bühne eine selbstbewusste Heldin im Leben macht – sie willigt in den Deal „sexuelle Gefälligkeiten gegen das Leben Cavaradossis“ ein und erkennt zu spät, dass sie den üblen Machenschaften Scarpias über dessen gewaltsamen Tod hinaus nicht entkommen kann.
Cavaradossi wird als Liebhaber Toscas ausgeschaltet, nachdem er zufällig in das Willkürsystem hineingerät, indem er einem Freund hilft. Seine Freude über den Sieg Napoleons reicht aus, ihn ohne Prozess hinrichten zu lassen. Sein Tod stellt die absolute Macht eines Polizeistaates und die verkommene „Moral“ des Menschen Scarpias bloß. Menschen sind bloße Figuren, die er nach Belieben herumschubsen und für seine Zwecke einsetzen, benutzen und vernichten kann.
Wenn Menschen unter die Räder ruchloser Politiker geraten, lässt sich Leben, wie man sich das als Einzelne/r vorstellt, nicht mehr leben.
Das ganze Stück spielt innerhalb von 24 Stunden, musikalisch kommt man als ZuschauerIn kaum zum Durchschnaufen. Auch wenn die Oper eine fiktive Geschichte erzählt, so zählt sie doch zu den „Verismo“-Opern, (Verismo = Realismus), es geht also nicht mehr um Adelige oder mythologische Figuren, sondern zeigt das „einfache Leben einfacher Leute“. Deshalb geht es auch um Beziehungsdelikte und andere Gewaltakte. Tosca spielt an realen Schauplätzen (die Kirche Sant‘ Andrea della Valle, der Palazzo Farnese und die Engelsburg Castel Sant‘ Angelo in Rom) zur Zeit der napoleonischen Kriege in Italien, sogar mit genauer Datumsangabe: am 17. und 18. Juni 1800. Musikalisch wurden im Verismo realistische Geräusche mit aufgenommen, z.B. Schreie, Pistolen- oder Kanonenschüsse, Glockengeläute usw. In den früheren Opern fanden die brutalen Szenen nicht auf offener Bühne statt (siehe „Lucia di Lammermoor“), sondern wurden eher durch andere „berichtet“, aber Puccini ließ Mord, Vergewaltigungsversuch und Exekution auf offener Bühne stattfinden. Heute ist das für uns selbstverständlich, aber 1900 greift Puccini zu Stilmitteln, die später in Filmtechniken zum Standard gehören: er präsentiert uns schnelle Szenenwechsel, das Orchester reagiert sekundengenau auf das, was da auf der Bühne geschieht, und diese musikalische „Begleitung“, das Darstellen der Emotionen wie Angst, Folter, Verzweiflung etc. macht das Orchester zum Erzähler. Vom ersten Moment an sind wir mittendrin, und diese musikalische Spannung bleibt bis zum Schlussakkord erhalten. Die Geschichte wird aktiv miterzählt, wiederkehrende Motive unterstreichen die jeweilige Person, ein Gefühl oder eine Situation. Scarpia wird von bedrohlichen Blechbläsern schon in den ersten Takten der Oper eingeführt, Liebesszenen werden (natürlich!) von lyrischen Streichern begleitet und die Szenen in der Kirche haben Orgel, Glocken und Chor dabei. Das „Te Deum“ zum Finale des 1. Aktes gilt bei vielen Musikwissenschaftlern als mit der größte Opernmoment überhaupt: während ein Gottesdienst gefeiert wird, singt Scarpia von seinen Machtfantasien und wie er sich Tosca zu Willen machen will. Kirchliche Pracht und verdorbene Moral erklingen nebeneinander – wie halt im richtigen Leben auch…
Wenn Sie auf die Musik hören, ohne die Übertitel zu lesen, so erfahren Sie oft mehr über die Handlung, als die Figuren selbst es erzählen. Spannend ist auch, wie die Szenenwechsel musikalisch hin und her springen zwischen den öffentlichen Großszenen und den sehr persönlichen Momenten der Darsteller. All dies führte dazu, dass Tosca als eines der vollkommensten Werke Giacomo Puccinis gilt.
Und wenn Sie ein bisschen nerdig rüberkommen wollen, dann werfen Sie im Gespräch lässig ein, wie fantastisch Tosca das „Vissi d’arte“ („Ich lebte für die Kunst“) im zweiten Akt so schön verzweifelt vorgetragen hat – einer der emotionalen Höhepunkte der Oper!
Und nerdig geht es weiter mit Cavaradossi: er hat nicht nur die Arie „Recondite armonia“ („Verborgene Harmonie“) im ersten Akt ganz wundervoll lyrisch vorgetragen, sondern auch im dritten Akt das „E lucevan le stelle“ („Und es leuchteten die Sterne“). In seinem Abschiedsbrief an Tosca beschreibt er nach seinen Erinnerungen an ihre erste Liebesnacht zunehmend seine Verzweiflung über das bevorstehende Ende seines Lebens („Die Stunde ist vorbei, und ich sterbe verzweifelt! Und hab das Leben niemals so sehr geliebt“).
Die Arie ist so berühmt, dass der Jazz-Titel „Avalon“ von 1920 als musikalisches Plagiat gilt – so viel zu „klassische Musik ist nicht zeitgemäß“. Aber jetzt wissen Sie auch, wann Sie unbedingt klatschen sollten… denn das ist in „Tosca“ gar nicht so einfach, da die „Stücke“ ineinander übergehen, es gibt keine „einzelnen, aneinandergereihten Nummern“. Aber Puccini hatte mit seinen KünstlerInnen ein Einsehen und diese drei Arien sind musikalisch abgesetzt, damit wir ZuschauerInnen sie für ihre Kunst auch belohnen mit der zweitwichtigsten Gage – dem Applaus!
Puccini hatte übrigens vorgesehen, Tosca am Ende „entseelt zu Boden sinken“ zu lassen, wahlweise sollte sie wahnsinnig werden (mehr zu wahnsinnigen Frauen in der Oper in Gedanken zu „Lucia di Lammermoor“ nächstes Mal…), aber Victorien Sardou, der Verfasser des Schauspiels „La Tosca“, von dem Puccini durch einiges an Intrigen schließlich die Rechte für die Oper abkaufte, akzeptierte keiner dieser Lösungen, sondern bestand auf dem Sprung Toscas von der Engelsburg in den Tod. Auf den zwischenzeitlich in Erwägung gezogenen Tod des Polizeiagenten Spoletta, es wäre der fünfte Tote in Tosca gewesen, wurde hingegen verzichtet. Auch die Idee, dass Tosca von der Engelsburg in den Tiber springt, wurde verworfen, da der Tiber leider nicht direkt an der Engelsburg vorbeiführte…
Trotzdem gilt „Tosca“ als die Primadonnenoper schlechthin! Ihr dramatischer Sprung von der Engelsburg ist bühnentechnisch eher aufwendiger als die vielen anderen Todesarten, mit denen Oper so aufwarten kann, und es ist große Vorsicht geboten – schließlich soll die Sängerin ja auch die folgenden Abende singen und sterben… Oft wurden Matratzen verwendet, damit die Künstlerin so weich fällt, dass sie sich nicht verletzen kann. Und wenn die zu weich gefedert waren – und Tosca wieder auftaucht? Dann führt das zu einer der berühmten Anekdoten der Operngeschichte, nachzulesen bei Schauspieler und Opernregisseur Otto Schenk in seiner Hommage „Tosca auf dem Trampolin und andere Opernkatastrophen“ von 1982.
Freuen Sie sich auf die spannende Interpretation von Ludwig Baumann – Sie wissen ja, dass er immer für eine Überraschung gut ist.
So, jetzt haben Sie alles Wichtige zu „Tosca“ gehört und hoffentlich große Lust bekommen, sich dieses grandiose Musikspektakel auf dem Immlinger Hügel live anzuschauen!
In diesem Sinne – wir sehen uns im Sonnenuntergang!
Herzlichst Ihre Christiane Berker

